Oh Kanada

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I believe the world needs more Canada – Bono

Verzeiht mir die Schreibfaulheit der letzten Wochen – aber vielleicht war ich einfach entspannt, in einem Land hoch im Norden, zweitgrösstes Land der Erde, aber nur Nr. 37 in der Weltbevölkerung, ein Land der extrem harten Winter, aber milden Sommer, mit Leuten, die zum „höflichsten Volk der Welt“ benannt worden sind (obwohl – zu Letzterem muss ich eines anmerken: Steht ihnen nicht im Weg auf ihrem Run in die U-Bahn und nach Hause; in der relativen Anonymität der Masse liegt die Freiheit von der Höflichkeit).

Canadians are more polite when they are being rude than Americans are when they are being friendly. – Edgar Friedenberg

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Kanada – im Vergleich zu seinem etwas mehr auffälligen südlichen Nachbarn, eher ein unbekanntes Land. Normale Vorstellungen beinhalten: Sie sind alle Holzfäller oder Royal Mounties, jagen Elch und Grizzley, spielen Eishockey, sie haben irgendeine Vorliebe für Ahornblätter, und wohnen in kleinen Städten, und dort offenbar in Iglus (eh?).

 

So war die erste Überraschung die schiere Grösse von Toronto – über 5 Millionen Menschen leben im Norden von Lake Ontario (wer weiss die Namen von allen 5 Grossen Seen? Na? …… Klar: Ontario, Michigan, Huron, Erie, Superior). Keine Iglus weit und breit, dafür eine sehr moderne Stadt mit Wolkenkratzern im Finanzviertel, auffällig vielen deutsch-produzierten Autos der gehobenen bis gehobensten Klasse, wohlhabenden Wohngegenden, viel Kunst und Kultur – eine Stadt zum Leben und Wohlfühlen (wenn man ein wenig Kleingeld mitbringt).IMG_4689

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DSC04429Ich war nach Monaten der lateinamerikanischen Herausforderung wieder in einem „zivilisierten“ Land angekommen (im Sinne von: Standards kommen mir bekannt vor), konnte den freundlichen Immigrationsoffizier davon überzeugen, dass ich keine Absicht hatte, mich ewig dort niederzulassen (zu diesem Zeitpunkt kannte ich allerdings Kanada noch nicht), und nistete mich erst mal bei einer Freundin in Toronto ein, die ich letztes Jahr in Myanmar kennenlernte, und mit der ich später 3 Wochen im Ashram in Indien verbrachte. Ebendiese Freundin war im Prozess, ihr Haus zu verkaufen um auf Reisen zu gehen, so konnte ich mein Einnisten wenigstens mit dem Packen von Umzugskartons begleichen.

I don’t trust any country that looks around a continent and says, “Hey, I’ll take the frozen part.” – Jon Stewart

IMG_4687Eine Weltreise, unbegrenzter Urlaub – so was muss doch entspannend und erholend sein – denkt man. Hätte ich auch gedacht, bevor ich auf Reisen ging. Die Wahrheit ist, dass es, wenn man es nur lange genug macht, recht anstrengend werden kann – ich glaube, es ist in meinem Fall eine Kombination von: Mittlerweile 17 Monaten aus dem Koffer lebend; in Ländern, deren Infrastruktur oft eine Herausforderung darstellt; mich mit Sprachen und Kulturen beschäftigen, die Anpassung benötigen; und all das mit niedrigem Budget. Irgendwann kann auch das Fass der Erfahrung gefüllt sein.IMG_4712

Jedenfalls kam ich erschöpfter als mir selber bewusst war in Kanada an, und brauchte Erholung. Das Leben im Haus meiner Freundin half dabei, wo ich einen ganzen Bereich für mich hatte, fantastisch bekocht wurde, kräftig mithalf, die Flaschen im Weinkeller vor der Einlagerung zu bewahren, und erfuhr, wie sich die Made im Speck fühlt. Wir verbrachten ein paar Tage bei einer anderen Freundin „im Cottage“ im Norden – „das Cottage“ ist eine Art Tätigkeit für Kanadier, es gibt dort so viel Wasser, dass viele ein Haus am See besitzen und wann immer sie können, dorthin fahren – völlig verständlich. Wasser, Sonne, Hot Tub und Moskitos – bis auf Letzteres hätte ich lange dort bleiben können. All dies trug schnell zu meiner Erholung bei.

Kanada ist berüchtigt für seine harten Winter, aber Völker mit harten Wintern haben eine besondere Lebensfreude, sobald der erste Sonnenstrahl zum Draussensitzen auffordert.

The Canadian version of Julius Caesar’s memoirs? I came, I saw, I coped. – Clive James

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Dann nahm ich den Zug nach Quebec und traf dort alte Freunde aus GMAC Zeiten. Quebec – ursprünglich, französisch, alte Häuser, der Hauch der Vergangenheit weht durch steile Gassen, eine Stadt der Traditionen, der perfekte Ort, um mit einem gepflegten Bier in der Hand auf einer Terrasse zu sitzen und mit alten Freunden über das Leben zu reminiszieren.

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Und schliesslich reiste ich an die andere Seite, nach Vancouver – traf dort ebenfalls Freunde wieder, die ich auf meiner Reise kennenlernte (und die ich vorher in Santiago, Quito, und Havanna getroffen hatte – die Welt ist klein). Vancouver – Stadt des Wassers und der Parks – mit gemächlicherer Gangart als Toronto, eine Stadt, die Sommertage, Parks, Strände und Lebenslust zelebriert.

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Ausserdem einer der Austragungsorte der Frauen-Fussballweltmeisterschaft – nicht, dass man es merken konnte, ausser man ging ins Stadion, was wir taten – und weil die USA spielten, war das Stadion angefüllt mit blau-weiss-roten Menschen, die glücklich ihre Frauschaft anfeuerten. Vom Gegner war wenig zu sehen im Publikum – Ich habe insgesamt 9 Nigerianer gezählt, die tapfer ihre grün-weissen Flaggen oder T-Shirts zeigten. Ich muss leider berichten, dass das Spiel nicht wirklich mitreissend war, um es milde auszudrücken, aber es reichte zum 1:0 für USA.

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Kanada hat es mir angetan: Eine Kombination von Erholung, dem Gefühl, wieder in bekannte Welten einzutauchen, äusserst netten Menschen, schönen Städten, traumhafter Natur, und einer Unaufgeregtheit, die typisch kanadisch zu sein scheint. Sie nehmen sich nicht ganz so ernst und wichtig wie ihre Nachbarn im Süden es gerne tun, und sollten eigentlich „leben und leben lassen“ zu ihrem Motto machen. Stattdessen haben sie den Bieber, und wenig Gutes über ihn zu sagen:

The beaver, which has come to represent Canada as the eagle does the United States and the lion Britain, is a flat-tailed, slow-witted, toothy rodent known to bite off its own testicles or to stand under its own falling trees. – June Callwood

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Und sie scheinen offenbar eine kleine Besessenheit mit ihren südlichen Nachbarn zu haben, während dieser wohl nur vage wahrnimmt, dass da noch jemand über ihnen lebt.

Canada is like a loft apartment over a really great party. Like: “Keep it down, eh?” Robin Williams

Canadians look down on the United States and consider it Hell. They are right to do so. Canada is to the United States what, in Dante’s scheme, Limbo is to Hell. – Irving Layton

God Bless America, but God help Canada to put up with them! Anonymous

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Mein einziges Bedauern – wie mein Blogtitel ja sagt, bedauert man die Dinge, die man nicht gemacht hat – ich habe nicht genug in Kanada gemacht. Mein Traum ist jetzt, mir eines Tages ein Wohnmobil zu mieten und durch die grossen Weiten von Kanada zu fahren, die ich nur aus dem Flugzeug bestaunen konnte. Man muss Träume haben.

Take off eh! – The Mackenzie Brothers

(Ausnahmsweise müsst ihr selber übersetzen, ich bin auf Hawaii und zu entspannt. Aloha!)

3 responses to “Oh Kanada

  1. Hey Gudrun,
    wenn du tatsächlich mit dem Wohnmobil durch Kanada fährst, komm ich gerne mit! Die Natur soll noch schöner sein als die Großstädte 🙂
    Viel Erholung noch auf deiner letzten Etappe!
    Liebe Grüße, Steffi

  2. Hm, ich sollte Kanada wohl doch auf alle Fälle auf meiner Reiseliste stehen lassen… Vielen Dank für den interessanten Bericht und die tollen Bilder! 🙂

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