Das Beste zum Schluss

Und jetzt, zum Abschluss meiner Reise, der letzte Bericht. Ich hatte die Zeit auf Hawaii zumeist – zwischen Rumfahren auf der Insel und beglückenden Momenten im Angesicht der Sterne – damit verbracht, meine Reise in mich sinken zu lassen und die Erfahrungen Revue passieren zu lassen, sowie mich langsam geistig wieder der Zukunft und Ankunft im „normalen“ Leben zu widmen – eine Art persönliches Retreat. Daher hatten meine Hawaii Berichte auch wenig soziale Aktivitäten zu bieten, ich brauchte zum Abschluss „me-time“.
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In der Zeit vor meiner Rückkehr erhielt ich öfters Emails von Freunden, die mich fragten, ob ich das Ende meiner Reise bedauere und lieber weitermachen möchte, oder ob ich mich auf die Rückkehr freue. Die Antwort ist einfach: Ich freue mich auf die Rückkehr. Die Reise war toll, aber 18 Monate aus dem Koffer leben, ständig an anderen Orten sein, keine Routine entwickeln können – all das ist auf die Dauer anstrengend. Ich schrieb bereits, dass es so etwas gibt wie zu viele gute Erfahrungen, und bei mir setzte der Moment irgendwann ein. Dies ist jedoch nur ein Grund, warum ich mich auf die Rückkehr freue – ich möchte auch wieder Teil der Gesellschaft und Gemeinschaft sein, und dies nicht nur in der Vorbeireise. Ich freue mich darauf, wieder einen Zweck zu haben, der über „Reisen“ hinausgeht, ich freue mich darauf, das, was ich gelernt habe, meine Erfahrungen, und meine guten Ideen und Vorsätze in die Tat umsetzen zu können.
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Als ich vor 18 Monaten aufbrach zu meiner eigentlich 12-monatigen Reise, da hatte ich, zurückblickend, sehr wenig wirkliche Vorstellungen darüber, was ich wollte und was ich und mich erwartete. Ich schrieb an anderer Stelle über die Herausforderungen, die die Aufgabe der bisherigen Identität und Position mit sich brachte, und die das Leben ausserhalb der Komfortzone bedeutete. Allerdings sollte sich diese Herausforderung letztendlich als Segen herausstellen – dadurch, dass man immer wieder über seinen Schatten springen, sich immer wieder umstellen und an Menschen und Situationen anpassen muss, immer wieder sich selber begegnet, und insbesondere komplett neue Perspektiven erhält, wird das Gefüge des „Ego“ empfindlich in seiner Bequemlichkeit gestört, was diesem Ego nur gut tun kann. Mit Ego meine ich den Teil, der fest in seinem Glauben an seine eigene Wichtigkeit und Zentralität feststeckt, den Teil, der seine Glaubenssätze liebt und an sie glaubt, der aber auch ultimativ jedem dauerhaften Glück entgegensteht.

Wenn man „eigentlich“ alles hat – in meinem Fall die Gelegenheit, meine Reiseträume zu verfolgen, die mir durch Zeit, Geld und Gesundheit gegeben wurde – und feststellt, dass man immer noch nicht richtig glücklich ist, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich Glück, und was macht mich denn nun glücklich? Ich könnte darüber jetzt viel schreiben, aber das würde den Rahmen sprengen. Unter dem Thema gibt es viele Bücher, da ich natürlich nicht die erste bin, und nicht die letzte sein werde, die sich diese Frage stellt. „Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein“, ist einer der 5 häufigsten Sterbebett-Wünsche, die laut einem Bestseller geäussert werden (neben den Wünschen: den Mut gehabt hätte, sein eigenes Leben zu leben anstatt Erwartungen anderer zu erfüllen; weniger gearbeitet hätte; Mut gehabt hätte, Gefühle auszudrücken; und den Kontakt zu Freunden aufrechterhalten hätte). Worin dieses Glück genau besteht, muss erst einmal der Wünschende selber für sich definieren, es ist ein sehr persönliches Thema.
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Für mich ist Glück ein innerer Zustand, losgelöst und unabhängig von äusseren Gegebenheiten. Oder in den Worten Matthieu Ricard: „Glück ist ein tiefes Wohlbefinden, das einem gesunden Geist entspringt. Es ist nicht ein Gefühl des Vergnügens, eine vorübergehende Emotion, oder eine Stimmung, sondern ein optimaler Zustand des Seins. Glück ist auch eine Art, die Welt zu interpretieren, denn während es schwer sein mag, die Welt zu ändern, ist es immer möglich, die Art wie wir sie sehen zu ändern“. Hehre Worte, mag man jetzt denken, aber wahre Worte.
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„Die Kunst des Glücks“ könnte ich das Motto nennen, unter dem ich meine nächste Lebenszeit stellen möchte. Klingt gut, auch meine ich, die Theorie verstanden zu haben, allein: Von Theorie zu Praxis liegen Welten, und viele Jahre. Und ich weiss jetzt genug, um zu wissen, dass ich weit entfernt bin von der Praxis. Aber es ist nie zu spät anzufangen. Meine Vorsätze dazu füllen mittlerweile eine Liste, und zentral darin ist, nicht mich selber in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Engagement mit anderen – sei es in der Arbeit, in der ehrenamtlichen Tätigkeit die ich suchen werde, in der Freizeit. Eine meiner Lehren aus der Reise ist, dass wir oft viel zu sehr mit unserer eigenen Nabelschau befasst sind, und viel zu sehr versuchen, ein genau genommen unkontrollierbares Etwas, das sich Leben nennt, zu steuern und zu kontrollieren, als dass wir einfach den Moment geniessen, und uns der Aussenwelt zuwenden, für andere da sind, und Dinge auch einfach mal passieren lassen und akzeptieren.
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So ist das Fazit meiner Reise: Sie hat mich auf einen Pfad gesetzt, und diesen Weg möchte ich weiter beschreiten. Ich glaube nicht, dass ich ohne sie diesen Pfad gefunden hätte, denn ich habe mir nie Zeit genommen. Und es liegt nur an mir, diesen Pfad weiter zu gehen.

Ich bitte auch alle meine Freunde, mich an meine Worte zu erinnern, wenn sie merken, dass ich abweiche :).

Noch ein Wort zum Schluss: Es gibt viele Leute, die gerne auf so eine Reise gehen möchten, aber denken, sie können es nicht. Man kann viel mehr, als man denkt – ich hätte auch nie gedacht, dass ich jemals den Mut dazu besitzen würde. Ich kann nur jedem raten: Macht es. Je nachdem, wie viel man bereit ist zu arbeiten unterwegs, kann eine solche Reise auch sehr günstig sein, es gibt viele Gelegenheiten, gegen Kost und Logis Arbeit zu finden, sei es über Wwoofing, helpx oder workaway, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Aber es gilt nicht nur für eine Reise, sondern auch für andere Lebenspläne, man sollte wirklich nicht warten, bis man die Nichterfüllung von Träumen auf dem Sterbebett bereut – und das Sterbebett wartet nicht immer auf das hohe Alter. Das Motto ist simpel: Mach es einfach.
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4 responses to “Das Beste zum Schluss

  1. Hallo Du, ich werde Deine Reiseberichte vermissen. Sie waren in den letzten Monaten auch für mich ein ständiger Begleiter.
    Freue mich Dich bald zu sehen… Viele liebe Grüße Manuela

  2. Hallo Gudrun,
    auf deine Seite bin ich gestoßen, als ich nach einer passenden Adresse für meinen eigenen Blog gesucht habe. Leider war die schon vergeben. An dich. Auch wenn meine Reisen deutlich kleiner sind, fühle ich mich angesprochen von der Ähnlichkeit der Themen, die uns bewegen. Wünsche dir gutes Wiedereinleben zuhause.
    Viele Grüße
    Micha

    • Liebe Micha, vielen Dank für Deinen Kommentar und guten Wünsche! Zumindest Mark Twain und Reisen verbindet. Wünsche Dir viel Spass bei Deinen Reisen, werde mich auch auf Deinem Blog einlesen.

      Liebe Grüsse

      Gudrun

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