Gedanken über die Bedeutung des Reisens für mein Leben

Ein Rückblick, und ein Ausblick. Vor 10 Monaten und 5 Tagen bin ich losgezogen, mit dem Ziel, innerhalb eines Jahres einmal die Welt zu umrunden, mit genauem Plan, wann ich wohin gehen und was ich dort machen würde. Aber wenn ich zurückblicke, dann weiss ich gar nicht mehr genau, was eigentlich wirklich meine Erwartungen waren, damals. Ich weiss, warum ich den Entschluss fasste, etwas in meinem Leben grundsätzlich zu verändern, aber warum musste es unbedingt das Reisen sein, warum konnte ich nicht einfach 1 Jahr in Deutschland verbringen und dort die Zeit mit Lesen und Sprachen lernen verbringen, zum Beispiel? Was waren meine Wünsche, meine Hoffnungen speziell an das Reisen, und wie ist die Realität damit umgegangen?

Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt. Martin Buber (1878 – 1965)

Ich habe ein gewisses Alter erreicht, in dem das Klischee zuschlägt: Die Frage: “War das jetzt alles?”. Ich mochte meinen Job, ich mochte die Umgebung, ich mochte mein Leben, ich hätte lange so weiter machen können. Ich wusste mit absoluter Sicherheit, dass ich eines Tages zurückgeblickt hätte mit dem Gefühl und dem Wissen, dass ich mein eigentliches Leben nicht gelebt habe. So fragte ich mich: Wenn Du jede Möglichkeit hättest, ein Jahr zu machen was Du willst, was wäre es? Die Antwort kam sofort: Reisen. Warum? Ehrlich gesagt, wusste ich es selber nicht so genau. Eine Sehnsucht nach Farbe, nach Gerüchen, nach anderen Leben und Perspektiven, nach Hitze und Staub und Lärm, nach lauten Stimmen, die in fremden Sprachen Unverständliches rufen, nach Fremde und Exotik. Wenn ich an Reisen denke, dann nicht an gepflegtes klimatisiertes Leben in einem 5-Sterne Resort (obwohl das hin und wieder nicht schlecht wäre), sondern ich möchte das pralle Leben, und das sind die Bilder, die vor meinem inneren Auge entstehen, und die Laute, die an mein inneres Ohr gelangen, bei dem Gedanken an: Reise. Was ich nicht hatte (obwohl viele dachten, das wäre der Grund für meine Reise): Den Wunsch, “mich selber zu finden”. Und Erwartungen hatte ich eigentlich auch nicht, nur die absolute Gewissheit, dass ich das Richtige für mich tat, nie einen Moment des Zweifels.

 Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum. Hermann Keyserling (1880 – 1946)

Kaum hatte ich, was ich wollte, da erinnerte ich mich wieder an den Unterschied zwischen inneren und äusseren Augen und Ohren. Exotische Stimmen und Gerüche, die Farben Asiens, fremdartige Menschen und Leben sind alle sehr schön, aber die Realität enthält eben auch einen drastischen Unterschied in den Lebensbedingungen und Standards, den Kulturen und Gebräuchen, sie enthält den Anblick extremer Armut, fast ständige Aufmerksamkeit den Menschen des Westens gegenüber, sei es aus Neugier oder wegen Geldes oder beides, und vor allem: Das Wahrgenommenwerden ändert sich komplett, von der Managerin zur “alleinreisenden Frau mittleren Alters ohne Kinder” – löst in vielen Ländern sowohl Mitleid als auch Beschützerinstinkte aus, beides nicht wirklich meines. Ich verlor eine bedeutende Identität, und musste neue Identitäten entdecken.  Ich wurde immer und immer wieder mit meinen Grenzen konfrontiert, und bewegte mich fast ständig komplett ausserhalb meiner Komfortzone. 

 Reisen ist für Vorurteile, Bigotterie und Engherzigkeit lebensgefährlich, und viele unserer Leute benötigen es aus diesem Grunde dringend. Mark Twain (1835 – 1910). 

 Ich bin extrem dankbar dafür. Reisen zwang mich, über meine Grenzen, Schwächen, Stärken, Erwartungen, Verhaltensmuster nachzudenken, in einem Maße, das weit über alles hinausging, was Beruf und “normales” Leben von mir abverlangt hatten. Es heisst, Menschen, Bücher und Ereignisse finden einen, wenn der richtige Zeitpunkt gegeben ist, und ich kann dies bestätigen – während meines Weges bisher sind alle drei immer dann aufgetaucht, wenn es nötig war, um mich weiterzustupsen auf dem Pfad. Sie gaben mir die Fragen, von denen ich nicht wusste, dass ich sie hatte, und halfen mir, die Antworten zu finden. Sie zwangen mich, in mich hineinzuschauen. Ich lernte, was das abstrakte Konzept von Glück für mich persönlich ausmacht, ich lerne jeden Tag über Mitgefühl, über Güte, über Akzeptanz, und darüber, wie sie zum Glück beitragen.

Die Reise und nicht das Ziel ist von Bedeutung. T.S. Elliot (1888 – 1965)

Vor ein paar Tagen gab es hier im Ashram eine Diskussion über einen Satz, der so ähnlich ging wie: “Nicht durch das Erfahren lernen wir, sondern durch das Nachdenken”. Vielleicht ein passender Satz für einen Ashram, in dem das Leben so daherfliesst, aber in meinem Punkt im Leben ein Satz, der wenig Wahrheit enthält. Für mich sind es die Erfahrungen, die mich lehren und mich weiterbringen; Perioden des Ruhens sind gut und nötig, um das Erfahrene zu reflektieren, aber für mich liegt der Wert des Lebens in den Erfahrungen. 

Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist. Jean Paul (1763 – 1825)

Meine Reise ist nicht zu Ende, sowohl metaphorisch als auch buchstäblich. Ich brauche noch Zeit und möchte mehr erfahren, und daher habe ich beschlossen, erst einmal weiterzumachen. Ich weiss nicht für wie lange – vielleicht 6 Monate, nicht länger als 12 Monate, denn irgendwann ist das Geld definitiv zu Ende, und ich fange bereits an, Sehnsucht nach einem Zuhause zu entwickeln  (welches in Deutschland sein wird). Ich mache keine Pläne mehr, sondern folge dem, was kommt, schaue, wohin mich Menschen, Bücher und Ereignisse noch führen werden. Und ich weiss, dass auch in Deutschland die Reise nicht zu Ende sein wird – sie wird es nie sein. Aber endlich weiss ich wirklich, warum ich reisen wollte, auch wenn ich damals, als ich den Entschluss fasste, keine Ahnung davon hatte.

Wir werden nicht nachlassen in unserer Erforschung, und das Ende all unseres Forschens wird sein, zu stehen wo wir begannen und den Ort zum ersten Mal zu erkennen  T.S. Elliot (1888 – 1965)

 

PS: Ich werde für Weihnachten nach Hause kommen, hoffentlich sehe ich ein paar von euch.

6 responses to “Gedanken über die Bedeutung des Reisens für mein Leben

  1. Hallo Gudrun, liebe Grüße aus Essen – ich beneide Dich um Deinen Weg – die gemachten Reisen habe bestimmt tiefe Eindrücke bei Dir hinterlassen, die Dir keiner nehmen kann. Freue mich auf Dich, wenn Du wieder in Deutschland bist. LG Michael

    • Danke Dir, Michael! Ja, es war alles insgesamt etwas unerwartet aber umso schöner! Freue mich auch, und wünsche Dir erst mal eine gute Zeit!
      Liebe Grüsse

      Gudrun

  2. ……ich fange bereits an, Sehnsucht nach einem Zuhause zu entwickeln (welches in Deutschland sein wird).
    Viele, insbesondere diejenigen, die keine vergleichbaren Reiseerfahrungen haben, denken, jemand, der die Welt bereist hat, sucht sich danach eine neue Wahlheimat, weil hier doch alles scheiße ist. Denkste.Welcome home! Auch wenn es erstmal nur kurz ist.

    See you soon.

    • Opa Jurek – that rocks too 🙂 Gerade jemand, der der Welt bereist hat, sollte wissen, in welchem Paradies wir in Deutschland leben. Frage die Leute in vielen ärmeren Ländern, in denen ich war, wo sie gerne hinreisen würden, leben würden, studieren würden, und Deutschland steht ziemlich weit oben auf der Liste. Wir wissen einfach nicht, wie gut es uns geht. See you soon!

  3. Hi Gudrun,
    was Du schreibst ist alles so richtig. Es fängt immer mit eine Sucht nach etwas an. Man weiß aber nicht was er genau sucht. Und dann die Reise wird die Art des Lebens – weiter so! ich bin eifersüchtig.
    “Travelling outgrows its motives. It soon proves sufficient in itself. You think you are making a trip, but soon it is making you – or unmaking you”. Nicholas Bouvier
    Viele Grüße, Pawel

    • Hallo Pawel, danke Dir, was für ein schöner Kommentar! Der gute Mann hat recht. Seh Dich hoffentlich in Potsdam (ich werde für ca. 10 Tage dort sein). Lieben Gruss – Gudrun

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