Grosses Land Rapa Nui – der Nabel der Welt

IMG_3424Ich möchte heute eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Stamm von Leuten, die auf der Suche nach einer besseren Welt waren. Sie kamen schliesslich zu einer kleinen Insel, mitten im pazifischen Nirgendwo, 3800 Kilometer entfernt vom nächsten Festland. Sie nannten ihre kleine Insel „Nabel der Welt“ (was es in ihrem Fall sicherlich war, allerdings scheint jedes Volk zu glauben, dass sie eben dieser seien), liessen sich nieder und lebten friedlich vor sich hin. Ihre Besonderheit lag in der Erschaffung von Statuen – „Moais“, grosse Köpfe auf gerundeten Körpern, Arme eng die Seiten gedrückt, und beinlos – herausgeschlagen aus dem Vulkantuff der Insel und aufgestellt, um die Ahnen zu ehren und ihre eigene Macht und Position auf der Insel auszudrücken.Tahai  
Anakena  
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Später kam ein zweiter Stamm von Leuten, die auf der Suche waren, und auch sie wollten sich auf dem Nabel der Welt niederlassen. Die Erstgekommenen – sie waren gross und schlank gewachsen und nannten sich „Langohren“ – waren darüber nicht allzu glücklich, denn schliesslich gehörte das kleine Eiland ja ihnen, sahen aber das Potential, den Zugereisten – klein und dick und „Kurzohren“ genannt – all die Arbeiten aufzuhalsen, die sie als elitäre Langohren und Erstankömmlinge nicht machen wollten. _MG_6612

Diese Zweiklassengesellschaft lebte noch eine Zeitlang vor sich hin, nicht mehr ganz so friedlich, und vermehrte sich immer mehr. Sie fertigten immer grössere und schwerere Statuen an, und schliesslich wurde alles ihren Götzen untergeordnet, und sowohl die Kurzohren als auch die Ressourcen der kleinen Insel gnadenlos ausgebeutet. Es kam der Tag, an dem kein Baum mehr auf der Insel wuchs, und es kaum noch Essen gab, um die Überbevölkerung zu ernähren. Und dann kam der Aufstand der kleinen, unterdrückten Dicken, denen nur wenig Rechte gegeben worden waren: Die Kurzohren erhoben sich gegen die Herrschaft der Erst-Eingewanderten, und es gab Krieg. Alle Statuen wurden umgeworfen, die Menschen mordeten sich gegenseitig, und es kam sogar zum Kannibalismus. Am Ende gab es nur wenige Überlebende und viele gestürzte Statussymbole auf der Insel, die jetzt Rapa Nui, „grosses Land“, genannt wurde. Menschen und Ressourcen brauchten lange, um sich wieder zu erholen.

Umgeworfene Statue auf der Osterinsel

Umgeworfene Statue auf der Osterinsel

Am Ostersonntag des Jahres 1722 wurde die Insel dann von der grossen weiten Welt entdeckt und zur Feier des Anlasses „Osterinsel“ genannt. Leider meinte es die grosse weite Welt nicht wirklich gut mit der kleinen Insel, und im Laufe des nächsten Jahrhunderts hielten ein paar Mal Sklavenhändler an und sammelten die Inselbewohner ein. Die wenigen Hinterbliebenen wurden dann von der Handvoll überlebender Rückkehrer fast völlig ausgerottet, als diese unbeabsichtigt die Krankheiten der weiten Welt einschleppten. Neben den Menschen gingen dadurch auch fast alle mündlichen Überlieferungen für immer verloren, was später zum Mysterium der Insel beitragen sollte.IMG_3414

Insgesamt keine völlig glückliche Geschichte, aber sie hat erst einmal ein Happy End: In den 60er Jahren des 20. Jahrhundert erhielt die kleine Insel einen Flughafen, und ist seitdem immer mehr zu einem Magneten für Touristen geworden, die sich die ungewöhnlichen Statuen anschauen möchten, von denen einige mittlerweile wieder aufgerichtet wurden. Es leben wieder 4000 Ureinwohner (auch Rapa Nui genannt) sowie 3000 Eingewanderte auf der Insel, mit dem Hauptzweck, die jährlich 100.000 Touristen glücklich zu machen.IMG_3459

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Als ich die Geschichte der Osterinsel hörte, kam mir der Gedanke, dass diese Insel wirklich ein Mikrokosmos unserer Welt ist. Das Drama enthält es alles: Ein ursprüngliches Paradies, welches allen zum Nutzen hätte sein können; die Anbetung von Götzen oder Statussymbolen; Immigration und die Folgen unzureichender Integration; die komplette Ausbeutung von Ressourcen; Krieg und die fast völlige Vernichtung der Einwohner, so dass sie später wehrlos waren gegen die stärkeren Sklavenhändler. Aber auch die schöne Gewissheit, dass Natur und Menschen am Ende (fast) alles überleben können. Vielleicht bin ich sentimental und interpretiere hier zu viel hinein, auf jeden Fall ist es vielleicht keine schöne, aber auf jeden Fall eine interessante Geschichte._MG_6478Etwas macht mich aber nachdenklich – momentan findet hier Tapati, ein grosses lokales Fest statt, der Höhepunkt des Jahres. Normalerweise werden am Ende des Festes ein König und eine Königin gekrönt. Letztes Jahr konnte man sich nicht einigen, und es gab zwei Könige und zwei Königinnen. Dieses Jahr geht der Streit weiter, und es wird aus diesem Grund keine Königin geben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kloppen sie sich noch weiter…
Tongariki
Übrigens ein Wort zum Tourismus – obwohl selber eine Touristin, bin ich ja nicht unbedingt eine Anhängerin der Folgen (Stichwort „Ubud“); hier jedoch, finde ich, gibt es noch ein relativ geglücktes Beispiel von „verantwortungsvollem Tourismus“. Ausserdem, dachte ich mir, müssen die Einwohner extrem glücklich über die Touristen sein – nicht nur sind diese fast die einzige Einnahmequelle; ich kann mir vorstellen, dass man auf einer kleinen Insel mitten im pazifischen Nirgendwo, von der man nicht so schnell entfliehen kann, doch irgendwann mal die Krise bekommen muss, wenn man tagaus tagein nur sich selber zu sehen bekommt?

Und noch ein Nachwort für die Interessierten: Langohr und Kurzohr existieren wirklich, aber es handelt sich wohl leider nur um einen kleinen Übersetzungsfehler: Vor langer Vorzeit wurde angeblich das Originalwort e’epe (von kurzer untersetzter Gestalt) mit epe (Ohr) verwechselt.IMG_3383

4 responses to “Grosses Land Rapa Nui – der Nabel der Welt

  1. Pingback: Weitere Geschichten von der Osterinsel | Explore. Dream. Discover·

  2. Die Geschichte kommt mir auch irgendwie bekannt vor, natürlich mit wechselnden Hauptdarstellern. Tolle Geschichte und traumhafte Fotos!

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