Ein Recht auf Küste! (?)

IMG_3710Ich wusste doch, dass es einen Grund für mich gibt, Chile ein wenig misstrauisch gegenüberzustehen (ganz unabhängig von persönlichen Erlebnissen): Das Land ist einfach gierig! Fast 5000 Kilometer Küste waren nicht genug, es musste dem armen Bolivien auch noch seine mickrigen 400 Kilometer wegnehmen und es dadurch zu einem vom Meer abgeschlossenen Land machen, mit allen negativen Folgen für Handel, Export und Touristen auf der Suche nach Strandurlaub. Schäme Dich, Chile.
bolivmNun gut, vielleicht hat Bolivien damals in 1878 das Ganze angezettelt, als es eine chilenische Gesellschaft auf bolivianischem Boden entgegen Absprachen schwer besteuerte, und vielleicht waren die Grenzen auch nie so richtig geklärt, nachdem Spanien hinausgeworfen wurde, aber trotzdem… Jedenfalls gibt es kein Thema, welches Bolivianer mehr beschäftigt als dieses Trauma, es wird regelmässig herangezogen als DER Grund, warum Bolivien ein armes Land ist (warum ist Österreich eigentlich kein armes Land? Oder die Schweiz? Liechtenstein? Luxemburg?), und es gibt standhaft weiter eine Seekriegsflagge, deren grösster Stern symbolisch das Stück verlorenen Landes repräsentiert, als Zeichen, dass Bolivien nicht aufgeben wird seine Küste zurückzuerlangen.
IMG_3877Während der letzten 2 Wochen war ich in einer Silberstadt und bin dort in einer Mine herumgekraxelt; habe mir die inoffizielle Hauptstadt Boliviens angeschaut – La Paz (die offizielle Hauptstadt ist Sucre (wusstet ihrs?), obwohl La Paz sowohl das Parlament als auch den Präsidentenpalast hat); und stand im Titicacasee auf der Geburtstätte der Sonne, während ich zu der des Mondes herüberschaute.

"Cerro Rico" - Reicher Hügel - Berg mit ehemals höchstem Silbervorkommen in der Welt, mittlerweile völlig durchgetunnelt

“Cerro Rico” – Reicher Hügel – Berg mit ehemals höchstem Silbervorkommen in der Welt, mittlerweile völlig durchgetunnelt

Potosí, die Silberne Stadt und auch höchstgelegene Stadt der Welt auf knapp 4100 Meter – der die Stadt überragende Berg Cerro Rico beinhaltete zu Inkazeiten das grösste Silbervorkommen der Welt, der Grund, warum Potosí zu einem Hauptpreis des spanischen Imperiums wurde – mit fatalen Folgen für die Urbevölkerung, wie man sich vorstellen kann. Als der Silberpreis in die Knie ging, hielt sich Potosí mit Zinnabbau über Wasser. Heutzutage, nachdem auch der Zinnpreis abstürzte, ist die Arbeit in den Minen sehr zurückgegangen, es wird aber immer noch nach Silber, Zinn und verschiedensten Mineralien geschürft, zu Bedingungen, die nicht viel besser sind als vor Jahrhunderten. Und dabei sprengen viele verschiedene Schürftrupps munter Tunnel in den Berg, ohne dass es einen Plan zu geben scheint. Eines Tages wird die Schlagzeile lauten: Berg eingestürzt in Potosí. Die Minenarbeiter freuen sich übrigens über Geschenke in Form von Dynamit, das man überall kaufen kann. In ca. 15 Jahren wird aber auch damit Schluss sein. Potosí ist UNESCO Welterbe, voll mit kolonialen Häusern, die noch den Reichtum der Vergangenheit zeigen, und ein wirklich schöner Ort, um ein paar Tage zu verbringen._MG_8761


La Paz – chaotisch, quirlig, ursprünglich – eine tolle Stadt, die mich aus irgend einem Grund sehr an Städte Asiens erinnert. Ca. 2 Millionen Einwohner drängen sich in einer Art Kessel zusammen, der Übergang von La Paz zu der Oberstadt El Alto ist fliessend, viele Häuser sind auf die Hänge gebaut, und sie kommen immer wieder heruntergerutscht – 2011 sogar 1500 Häuser auf einmal, nach einem besonders schweren Regenfall.

Blick herunter von der vor kurzem geöffneten Seilbahn

Blick herunter von der vor kurzem geöffneten Seilbahn

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Offiziell katholisch, boomt das Geschäft der Hexen und Wahrsager – wer ein Problem beim Anblick mumifizierter Föten und Babies von Llamas, Schafen, Vögeln etc. hat, sollte sich vom Hexenmarkt fernhalten (dem wirklichen in El Alto). Ich liess mir mein weiteres Schicksal aus Koka-Blättern vorlesen, kann aber nichts wesentlich Neues berichten, mein Leben sollte auch weiterhin sehr lang sein. Mir hat La Paz sehr gut gefallen, ich wäre gerne noch länger geblieben.
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Titicacasee – der höchste schiffbare See der Welt, auf über 3800 Metern. Der See ist sehr gross und sehr schön; Copacabana, die grösste Stadt am See, Heimat der verehrten Jungfrau von Copacabana (selber Namensgeberin des Strandes in Brasilien, aus irgendeinem Grund) und Ausgangspunkt für Fahrten zu den Geburtsstätten von Sonne und Mond – um Copa macht man besser einen grossen Bogen, ausser man mag kleine Städte, die komplett vom Tourismus korrumpiert wurden. Die Islas del Sol y de la Luna sind aber sehr hübsch.

Isla del Sol, mit Blick auf Isla de la Luna

Isla del Sol, mit Blick auf Isla de la Luna

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Und es gibt in Copa ein wunderschönes Ritual – hier kann man sich sein schön geschmücktes Auto durch einen Priester segnen lassen – bei den Strassenverhältnissen Boliviens keine schlechte Idee.

Segnung

Segnung

Zum Schluss noch Überlebenstipps meines Reiseführers zu Taxifahrten in Bolivien, am Beispiel meiner ersten Taxifahrt in Bolivien, in Potosi. Regel 1: Nimm ein offizielles Taxi. Ja, klar. Nirgendwo ein offiziell aussehendes Taxi zu sehen, schliesslich hielt ich eines an, das einen handgeschriebenen “Taxi”-Aufkleber hatte. Er wollte mich nicht mitnehmen, mehr Glück mit dem zweiten Taxi. Regel 2: Erfrage den Preis vor Abfahrt, und handele. Der Fahrer sagte den doppelten Preis, den er laut Reiseführer nehmen sollte, aber da es in Euro immer noch sehr wenig war, es regnete, und ich ankommen wollte, stimmte ich zu. Regel 3: Lass nicht zu, dass andere Leute hinzusteigen, da Du für sie zahlen sollst. Kurz nach Abfahrt stiegen Leute hinzu. Mein schwächliches „äh – no!“ wurde ignoriert. Ich dachte daran, dass der Betrag gering war, und nahm es hin. Die Leute stiegen irgendwann wieder aus, der Fahrer sagte grosszügig, dass ich zahlen würde. Regel 4: Gib nicht Dein Geld, bevor Du Dein Gepäck hast. Der Fahrer hielt schliesslich vor dem Hostal an, drehte sich um und verlangte den Fahrpreis. Diesmal blieb ich eisern – nicht ohne mein Gepäck. Ich umklammerte mein Geld und blieb sitzen, bis er sich aus dem Auto und zum Kofferraum bequemte. Ok, erste Taxifahrt in Bolivien überlebt.

Und dies ist für alle Österreicher unter uns: Es gibt tatsächlich eine Kampagne, dem Land die Küste zurückzugeben – Italien, sei auf der Hut!

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