Bule, Bule – als “Albino” auf Java

IMG_2093Der Ruf der Moschee im frühen Morgengrauen. Das Gelächter und Geschrei von Menschen, um 6 Uhr morgens. Das Lachen von Kindern, den ganzen Tag. Das Hupen von zahllosen Motorrädern und Autos, ein endloser Strom. Das Rufen von Strassenverkäufern, die Soto Ayam und Bubur und Mie Baso anbieten; die Fahrradklingel des Eiscremeverkäufers, die die Kinder wie vom Rattenfänger gerufen durch die engen Gassen zieht. Keine Hunde, denn es ist ein muslimisches Land, dafür Dutzende von streunenden und hungrigen Katzen. Junge Frauen in Kopftüchern und enger Jeans. Überall Rufe von „what’s your name“ und „where are you from“, von „Bule, Bule“. Die Jugend trifft sich in Milchbars und Shisha-Schenken, die Älteren sitzen vor ihren Häusern und kommentieren. Viele haben ein Smartphone.

Wieder ein Land, wieder ein Erlebnis – diesmal als Freiwillige in Cianjur, West-Java, Indonesien.
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Teeplantage

Teeplantage

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Cianjur ist nicht unbedingt ein Touristen Hotspot – die Stadt liegt im Landesinnern, 2.5 Stunden (oder 8 Stunden, in meinem Fall, Zeit in Indonesien ist „Gummizeit“) Busfahrt von Jakarta entfernt. Es ist eine recht grosse Stadt, ca. 300.000 Einwohner, umgeben von wunderschönen Reisfeldern, überragt von einem Vulkan. Wenn sich Touristen hierher verirren, dann normalerweise, um an einem Homestay- und Freiwilligenprogramm teilzunehmen – Volunteer in Java, das ich hiermit sehr empfehlen möchte. Für einen geringen Beitrag für Kost und Logis lebt man im Zuhause von Kumis und seiner Mutter, die sich liebevoll um einen kümmern, meist zusammen mit anderen Freiwilligen, nimmt teil am Leben in Indonesien, und besucht die lokalen Schulen, um ein wenig Englisch zu sprechen mit den Schülern.

Das Haus von Kumis und seiner Mutter

Das Haus von Kumis und seiner Mutter

Anders als bei meinen vorherigen Einsätzen wurden hier keine Kenntnisse als Lehrerin erwartet; stattdessen wurde ich vor die verschiedensten Gruppen aller Schultypen geschoben, um die üblichen Standardfragen „wo kommst Du her wo lebst Du was ist Dein Name was ist Dein Lieblingsessen“ zu beantworten, den Kindern und Jugendlichen die Bedeutung von Englisch für ihre Zukunft klarzumachen, und nette Spiele mit ihnen zu spielen. War auf die Dauer sehr viel anstrengender, als es klingt, und kam mir manchmal vor wie „Das reisende Kuriositätenkabinett unter Mitwirkung von Miss Dorothy“.


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Neben mir ein Australier auf Freiwilligendienst

Neben mir ein Australier auf Freiwilligendienst


In vieler Hinsicht liegen Welten zwischen den „entwickelten“ und Entwicklungs-Ländern, und beide Seiten können viel voneinander lernen. Eine Banalität: Das Leben im Westen ist bei weitem nicht Nirvana; und doch ist unser Leben das Ideal für so viele Menschen, die von aussen doch viel heiterer und glücklicher wirken. Das Leben hier ist auch nicht Nirvana, zu real sind die täglichen Probleme – der Verlust der Arbeitsstelle, eine Krankheit, ein Unfall haben hier bitterernste Konsequenzen für die Überlebenschancen, in einem Maße, das wir nicht kennen.

Der Traum vieler ist es, in Amerika oder Europa zu studieren, um in ihren Ländern eine bessere Chance zu haben. Es ist der Blick in den Augen der Schüler, der diesen Traum von einem besseren Leben enthält, und der einem klarmacht, dass es hier nicht darum geht, ein paar Worte Englisch beizubringen, sondern dass man Traum und Motivation verkörpert. Dabei ist es egal, dass der „zivilisierte“ Westen seine ganz anderen Probleme hat – wer sind wir, dass wir Fortschritt und Wohlstand vorenthalten können, mit Hinweis auf Zivilisationskrankheiten, Burn-Out, Depressionen, Herzinfarkte und Vereinsamung? Das Erfahren eines anderen Kulturkreises, einer anderen Denk- und Arbeitsweise, und ein höheres Bildungs- und Einkommensniveaus werden auf Dauer den Ländern in ihrem Kampf gegen Armut, Umweltverschmutzung (ein riesiges Problem in Asien), und Krankheit helfen. Wenn gleichzeitig der „Westler“ etwas von dem Lachen, der Heiterkeit, der Gastfreundschaft, dem Leben im „Jetzt“ und in der Gemeinschaft annimmt, dann kann es für beide Seiten nur positiv sein, und das ist das, was Freiwilligenarbeit wirklich ist, denn man kann beide Seiten er-leben, und als Brücke dienen. Ich kann es nur sehr empfehlen, auch im Heimatland, es ist ein hervorragendes Mittel gegen unsere Zivilisationskrankheiten.
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Unter weniger philosophischen Gesichtspunkten, kann Englischunterricht ausserdem helfen, sehr typische Gespräche wie diese gerade erst wieder in einem Hotel Erlebten zu vermeiden: „Mein Zimmer stinkt nach Zigarettenrauch. Gibt es hier Nichtraucherzimmer?“ „Ja, Madam.“ „Danke, dann würde ich gerne umziehen.“ „Wir haben nur Raucherzimmer.“ „Äh…??“ – „Hier ist sind Ihre Zugangsdaten für das Internet.“ „Danke.“ (30 Minuten später) „Ich komme nicht ins Internet hinein, was mache ich falsch?“ „Wir haben kein Internet.“ „Äh..??“
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Von allen Erfahrungen an den Schulen war die beeindruckendste in einer Grundschule: Ca. 35 Kinder in der 4. Klasse, eine Grundschullehrerin, und ich. Die Kinder sollten mir Fragen stellen. Für nervenzerreissende 70 Minuten schrieen die Kinder – einfach so, oder auch sich gegenseitig an; sie traten sich; sie prügelten sich; eine fiel vom Stuhl; einer trommelte auf dem Tisch herum. Die Lehrerin stand währenddessen völlig ruhig vor ihnen, schrie hin und wieder über den Lärm, und fand ansonsten nichts Besonderes an dem Geschehen. Ich war fassungslos – meine Grundschulzeit hatte ich sehr anders in Erinnerung. Nostalgie überkam mich für meine Zeit in Nepal – Schüler die gar nichts sagen – ich hatte den friedvollen Effekt unterschätzt. Wir schafften tatsächlich 5 sinnvolle Fragen (und von mir herausgeschrieene Antworten) in der Zeit, und dann floh ich, und verbrachte den Rest des Tages zitternd und zurückgezogen auf der Terrasse – ich bin zu alt für so was. Danach wurde ich glücklicherweise von Grundschulen ferngehalten, und während auch die Klassen an den anderen Schulen meist sehr lebhaft waren, so doch nicht ganz in diesem Stil.

Mädchen sind einfacher zu unterrichten...

Mädchen sind einfacher zu unterrichten…

Hellhäutige Ausländer mit blonden Haaren werden in Indonesien Bule (gesprochen Bulä) genannt – Albino („Bulette“ als weibliche Form?). Die Kinder hatten eine Riesenfreude daran, jeden Morgen vor der Terrasse zu stehen und gefühlt stundenlang „Bule, Bule“ zu rufen.

Bule Bule

Bule Bule

Eher unfreiwillig – mit Kopftuch oder Hijab. Normalerweise war die Bitte an uns “lange Hose, lange Ärmel” (Java ist grösstenteils muslimisch), aber in einer muslimischen Schule wurde ich gebeten, ein Kopftuch zu tragen. IMG_2211 Die Indonesier, die das Bild sahen, fanden es toll – ich finde nicht gerade, dass ich ein Kopftuchtyp bin…IMG_2217

Ich hatte, nach kleinen Anlaufschwierigkeiten (ich gewöhne mich daran, dass es immer eine Zeit dauert, bis ich mich an neue Lebensumstände gewöhne, und die meinen wechseln ständig) eine sehr schöne Zeit in Cianjur. Kumis ist auch Tourguide und sorgt sich darum, dass seine Gäste Gelegenheit haben, sein schönes Land mit Mountainbikes und Motorrollern zu entdecken. Ich habe wundervolle Menschen kennengelernt, Spass an den Schulen gehabt, viel zu viel gutes Essen gegessen, und bin glücklich darüber, dass ich dieses Erlebnis hatte.

Bei der "Mr und Miss Cianjur Tourismus Wahl"

Bei der “Mr und Miss Cianjur Tourismus Wahl”

Diese Ziege hatte kein langes Leben - morgens angeschafft, mittags Spielzeug für die Kinder, abends schon im Kochtopf...

Diese Ziege hatte kein langes Leben – morgens angeschafft, mittags Spielzeug für die Kinder, abends schon im Kochtopf…

Das Transportmittel in Indonesien - der Motorroller

Das Transportmittel in Indonesien – der Motorroller

Monatliches Messen und Wiegen der Kinder

Monatliches Messen und Wiegen der Kinder

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Typische Wohngegend

Typische Wohngegend

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4 responses to “Bule, Bule – als “Albino” auf Java

  1. Liebe Frau Klaff, ich freue mich so sehr, dass es Ihnen gut geht und dass Sie die Zeit geniessen. Ihre Geschichten sind unglaublich, man versetzt sich sofort in Ihre Welt und die Bilder sind traumhaft! Ich wünche Ihnen weiterhin tolle Reisen und Erlebnisse! und ich bewundere Sie grenzlos:) ich drücke Sie:)
    Alicja

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