Die Rückkehr von Teacher Dorothy – Teil 2

IMG_1554-2So, da bin ich über Stock und Stein gekraxelt und an mein körperliches Limit gegangen, um einen Monat als Freiwillige in Junbesi Englisch zu unterrichten und mit Excel-Kenntnissen auszuhelfen. Wie war es nun? Ein Erlebnis, und eine interessante Erfahrung, die ich nicht vergessen werde.

Junbesi hat ca. 270 Einwohner, und eine „Secondary School“ für ca. 200 Schüler im Alter von 4-20 Jahre. Viele von ihnen müssen bis zu 2 Stunden morgens und abends laufen, um in die Schule zu kommen – die Berge rauf und runter – das alleine ist für mich schon eine enorme Leistung. Der Unterricht ist dementsprechend von 10-16 Uhr, um genug Zeit für den Schulweg zu geben.

Seconndary School in Junbesi - morning roll call

Seconndary School in Junbesi – morning roll call

Der Schultag beginnt mit dem Appell am Morgen – brav aufgereiht wird die Hymne gesungen und gesprochen, gefolgt von leichten Fitnessübungen – siehe Video.

Ich wurde von Chungba, dem Schuldirektor, mit einem Gebetsschal begrüsst, und gebeten, zusammen mit dem lokalen Englischlehrer Unterricht für Klassen 8, 9 und 10, sowie den Lehrern IT Unterricht zu geben und die bisher manuellen Schulformulare auf Excel umzustellen.

Grade 8

Grade 8

Ich bin von Haus aus keine Lehrerin, aber TEFL („Teaching English as a Foreign Language“) – zertifiziert, habe mehrere Bücher zum Thema gelesen, und erste Erfahrungen in Myanmar gesammelt. So war ich voll des missionarischen Eifers, den modernen Unterricht nach Nepal zu bringen, und das heisst: Schüler müssen reden, reden, reden, um eine neue Sprache zu lernen, und der Lehrer sollte sich abgesehen von Erklärung neuer Grammatik und Vokabeln vornehm zurückhalten (und natürlich korrigieren und unterstützen). Das prallte ziemlich schmerzhaft mit dem allgemeinen nepalesischen Unterrichtsstil (nicht nur für Englisch) zusammen – hier redet, redet, redet meist der Lehrer, und die Studenten – wenn sie überhaupt etwas sagen – lesen vorgegeben Text vor, und rezitieren meist als Gruppe, einzelne Worte, und sprechen kaum freie Sätze.
Grade 9

Grade 9

So stand ich nun vor meinen Schulklassen, und stellte als erstes fest, dass die Studenten kaum ein Wort von dem verstanden, was ich sagte – mein Akzent ist eben anders als der des hiesigen Lehrers. Das Problem konnte durch langsames, deutliches Sprechen noch adressiert werden, aber dann setzte der wirkliche Schock für die Schüler ein: Ich erwartete, dass sie tatsächlich Englisch sprechen sollten! Shock, horror. Das Resultat des oben dargestellten Unterrichtsstils (und kein Fehler des Lehrers): Die Schüler können nach Jahren des Englischlernens praktisch kaum einen Satz ohne sehr viel Ermutigung sprechen (das Problem wird auch aus anderen Ländern berichtet).
Grade 10

Grade 10


Hinzu kommt die natürliche und in vielen Fällen schon extreme Schüchternheit der Schüler: Insbesondere die Mädchen wandten sich zum Sprechen oft komplett von mir ab, zogen ihren Schal über das Gesicht, und murmelten irgend etwas in diesen – sie dazu zu bringen, klar und laut und mir ins Gesicht zu sprechen war eine weitere Herausforderung. Und ich lernte, dass man Mädchen und Jungen nicht für Sprechübungen zusammensetzen kann – sie schauen sich nicht an, geschweige denn sprechen miteinander – aussichtslos.
The teachers

The teachers


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Aber deswegen war ich ja hier, um mit Hilfe von TEFL-Methoden neue Denkansätze einzuführen. Die folgenden Wochen waren stellenweise schon etwas schmerzhaft für Schüler, Lehrer und Teacher Dorothy. Hin und wieder keimte die Versuchung auf, mehr altertümliche Methoden zu gebrauchen und den in der Ecke stehenden Besen dazu zu benutzen, die Schüler mit ein wenig zarten Hieben zum Sprechen zu bewegen (ich konnte mich gerade noch zurückhalten, auch wenns schwer fiel…). Stattdessen versuchte ich es mit allen neu erlernten Methoden – Rollenspiele, Einbindung des Internet, Wortspiele, Bilder, sonstige Spiele, paarweises Arbeiten, und was mir noch so einfiel – ich muss zugeben, es gab Zeiten, da hätte ich ins Schulpult beissen können, und ich habe jetzt völlige Sympathie mit den Lehrern dieser Welt. t
Glücklicherweise waren die Schüler zwar verdutzt aber willig, und langsam fingen sie an, mehr zu sprechen, und auch der Lehrer stimmte zu, dass diese Methoden Sinn machen – aber 4 Wochen sind natürlich viel zu kurz, um wirklich eine Änderung herbeizuführen, dazu benötigt es Monate.IMG_1562

Das Schöne ist, wenn man nach 4 Wochen feststellt, dass man Teil des Ganzen geworden ist, und als mir die Schüler (jedenfalls die, die ihre Schüchternheit überwinden konnten) Gebetsschals um den Hals hingen (als Wunsch für Glück und eine gute Reise) und die Mutigsten mir auch mündlich und auf Englisch dankten und alles Gute wünschten, und die Lehrer mir eine schöne Abschiedsparty gaben, da ging mir schon das Herz auf.

Some of my new Prayershawls

Some of my new Prayershawls

Aus diesem Grund biete ich meine Dienste als Freiwillige an und empfehle es auch anderen: Auch wenn man nur einen winzig kleinen Unterschied macht, ist es das schon wert. Und gleichzeitig ist man, für kurze Zeit, Teil einer anderen Kultur, erlebt ein völlig anderes Leben, mit unvergesslichen Erinnerungen.IMG_1607-2

Nach 4 Wochen kann ich sagen, dass – auch wenn oder vielleicht gerade weil einiges etwas anders war als erwartet – ich viel gelernt habe während meiner Zeit in Junbesi, und auch viel zurückbekommen habe, und ich plane bereits den nächsten Freiwilligeneinsatz, diesmal wahrscheinlich in Indonesien.

6 responses to “Die Rückkehr von Teacher Dorothy – Teil 2

  1. Hallo Gudrun, lese immer fleißig Deine Post – smile. Hier ist gerade Pfingsten und die Sonne scheint sensationell vom Himmel. Respekt vor Deinen Reisen. Beste Grüße und ganz viel Glück. Michael

  2. hello gudrun glad that you are back from your mountain travels, which sounded like quite the experience, i like your article on the school methods, as so true, but you are making a difference. take care and looking forward to reading about your next adventure.

  3. Hi Gudrun, spannende Einblicke in eine komplett fremde Welt. Bei mir wäre es mit der Geduld vermutlich nicht so weit her. Wir kommen gerade von einer Tour mit unserem GT mit Gleichgesinnten! Morgen geht der normale Wahnsinn wieder los!

    Viele Grüße

    Alexander

    • Jo, sind schon spannende Erlebnisse. Habe gesehen dass Du auch Spass hattest – immer weiter so (und alles ohne Taubenangriffe :)). Lieben Gruss Gudrun

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