Elend in Valdivia

Noch etwas erschöpft von meinem Erlebnis bei der Mapuche-Familie und langen Busfahrten durch Chile, kam ich in Valdivia an. Im nahegelegenen Parque Oncol wollte ich für zwei Wochen als Freiwillige im Park-Café aushelfen, ebenfalls arrangiert durch die Reiseagentur, um mich für das fehlgeschlagene Experiment bei der Mapuche-Familie zu entschädigen. Am nächsten Morgen holte mich ein Parkranger ab und fuhr mich zum Parque – 30 Kilometer von Valdivia entfernt, ein bewaldetes Gebiet, ca. 500 Meter hoch, berühmt für den Darwin-Frosch, den ich auch laut quaken hörte. Der Ranger lud mich am Haus ab, welches ich mit anderen Freiwilligen teilen sollte, und sagte, ich solle in einer Stunde zum Café kommen, welches ca. 100 Meter weiter lag.

Ein schläfriges Mädchen öffnete die Haustür, und ich schaute mich um. Ich hatte Essensachen dabei, die ich in den Kühlschrank stellen wollte. Ich öffnete die Kühlschranktür – Dinge, die mit grünen, blauen oder grauen Pelzmänteln umgeben waren, schauten mich an – nicht, dass Möhren, Paprika, und mittlerweile Undefinierbares so aussehen sollten. Dazwischen braune, gelbe, rote klebrige Lachen, wo irgendwelche Flüssigkeiten ausgelaufen waren – vielleicht waren es auch Überreste von Möhren, Paprika etc., die mittlerweile über den pelzigen Zustand hinaus waren. Ich schloss die Kühlschranktür. Hmmm. Wie sah wohl das Bad aus? Es gab zwei Bäder, ich machte den Fehler, mir die Toiletten anzuschauen – die Spülen funktionierten wohl nicht richtig, braune Brühe mit braunen Dingen schwammen in der Kloschüssel, benutztes Klopapier quoll über die Abfalleimer neben den Klos. Puuuh. Waschbecken mit grau-weisser Schicht bedeckt. Ein vorsichtiger Blick in die Badewannen – Böden von braunen Flecken bedeckt, aber gut, man kann ja erst mal Wasser darüber fliessen lassen. Ich fragte, wo ich schlafen würde. Offenbar schlief mein Zimmermitbewohner noch, daher konnte ich noch nicht einziehen. Ich wartete, es war eiskalt im Haus. Immerhin gab es ein grosses, helles, schönes Wohnzimmer, mit mehreren Sofas, einem grossen Tisch, 10 Stühlen, einer Feuerstelle. Überall standen Gläser, Tassen, Aschenbecher herum. Auf einem Sofa lag eine Gitarre. Ein junger Mann schlurfte herein, sagte Hola, und fing an, die Gläser und Tassen einzusammeln und in die Küche zu tragen, wo er den Abwasch begann. Wir unterhielten uns ein wenig – ich werde nicht besser dabei, schnelles Spanisch zu verstehen. Endlich stand auch der junge Mann in meinem Zimmer auf, und ich konnte mein Gepäck hineintragen. Das Bett war nicht bezogen, ich fragte nach Bettzeug, von einem anderen Bett wurden die Sachen abgenommen und mir gegeben. Schien mir nicht frisch zu sein, aber für solche Fälle habe ich einen Schlafsack aus Fliegerseide und einen Kopfkissenbezug dabei. Trotz alledem: Ich fragte mich immer mehr, was ich eigentlich hier machte. Aber – ich würde nicht schon wieder sofort abreisen, irgendwo habe auch ich meinen Stolz.

Gegen 11 Uhr ging ich zum Café hinüber, und stellte mich Luis und Nieta vor, den beiden älteren Angestellten. Beide waren sehr herzlich, begrüssten mich mit Küsschen, und zeigten mir, was ich tun sollte: Im Allgemeinen, einfach mithelfen, zupacken, machen was immer anlag. Ich war hier, um bei ausländischen Gästen zu helfen, allerdings gab es von denen beinahe keine, fast alle Gäste waren Chilenen. Diese waren amüsiert über meine mangelnden Sprachkenntnisse, unterstützten mich aber kräftig. In den nächsten Stunden lernte ich, wie man in einem Café bedient und Speisen zubereitet, und innerhalb kurzer Zeit wirbelte ich dort herum, als hätte ich es schon immer gemacht. Gut, das würde ich für einige Zeit machen können.

Abends ging ich müde wieder zum Haus zurück. Insgesamt wohnten ca. 10 Leute im Haus, alles Freiwillige, alles Chilenen, mit einer Ausnahme allesamt in den frühen 20ern, mit einigen sprach ich. Später sollte es ein Asado (BBQ) geben, ich hatte jedoch bereits im Café gegessen, war müde, und wollte relativ früh schlafen gehen, was sich als Fehler herausstellen sollte. Denn gegen 23 Uhr ging die Party los – es wurde getrunken, die Musik aufgedreht, und andauernd polterte irgend etwas. Mein Schlafzimmer teilte eine dünne Holzwand mit dem Wohnzimmer, so dass es keine Chance auf Schlaf gab. Ein- oder zweimal überlegte ich, ob ich nicht doch lieber an der Party teilnehmen sollte, aber das Problem war: Erstens verstand ich ausser einem der Leute eigentlich niemanden, und ich habe einfach wenig Interesse, mich mit einem Haufen von jungen Leuten, die ich nicht verstehe, bis in die Morgenstunden zu besaufen.

Und bis in die Morgenstunden ging es, immer lauter und besoffener. Um 5 Uhr morgens stürzte sich schliesslich mein Zimmergenosse mitsamt der Tür ins Zimmer und gegen den Schrank. Ich war müde und gereizt, wir gerieten in einen kleinen zweisprachigen Disput, und schliesslich warf ich ihn kurzerhand aus (seinem) Zimmer. Und dann lag ich wach, Adrenalin hoch, und dachte: Warum mache ich das alles? Wem muss ich eigentlich etwas beweisen? Warum lebe ich in diesem Schweinestall, mit einer Gruppe von Leuten, mit denen ich nichts gemein habe und mit denen ich nicht reden kann? Ja, die Arbeit in dem Café machte Spass, aber dafür hier leben? Ein Jahr der Selbsterfahrung muss irgendwann auch mal genug sein. Ich möchte einen gewissen Mindeststandard in meinen Lebensumständen. Keine pelzigen Dinge in meinem Kühlschrank (ausser sie wurden von mir produziert). Unter gar keinen Umständen solche Klos. Ich glaube, weil ich in den letzten Monaten so viel Armut sah, habe ich unbewusst mittlerweile ein schlechtes Gewissen, wann immer ich mit meinen Lebensumständen nicht glücklich bin – schliesslich geht es Millionen bis Milliarden von Menschen ja richtig schlecht, wie kann ich also unglücklich über ein wenig Schmutz sein? Aber: Ändert es etwas an den Lebensumständen dieser Menschen, wenn ich mit pelzigen Dingen im Kühlschrank meinen Frieden schliesse? Es ist wie das Argument meiner Kindertage: Geht es Menschen in der dritten Welt besser, nur weil ich meinen Teller leeresse? Reicht es nicht, wenn ich zu schätzen weiss, dass ich (normalerweise) zu den Glücklichen mit vollen Tellern und sauberen Kühlschränken gehöre?

Mit diesen Einsichten beschloss ich, dass ich kein schlechtes Gewissen haben musste, weil ich nicht in einem Schweinestall leben wollte. Ich verliess also auch diesen schönen Ort wieder, begleitet von den guten Wünschen und einem sehr leckeren Lomito Sandwich von Luis und Nieta, die, wie sie jetzt sagten, sich eh nicht hatten vorstellen können, dass ich in dem Haus wohnen wollte.

Jemand von der Parque-Organisation versuchte mich zu überreden, dort zu bleiben, sie würden auch aufräumen und keine Parties mehr feiern. Ich hatte kurzfristig Visionen, wie mich alle mit giftigen Blicken durchbohrten, während sie schrubbten und putzten und abends mucksmäuschenstill auf den Sofas hockten und die Bibel lasen – klar. Ich bedankte mich höflich und lehnte ab. Die Parque-Organisation fuhr mich nach Valdivia, wo ich einige Probleme hatte, ein Zimmer zu finden – Valdivia ist extrem beliebt, und es ist Hochsommer – aber schliesslich landete ich in einem kleinen Hostal in der Innenstadt, und Halleluja, es war sauber. Und ruhig. Ich war glücklich. Vielleicht spiessig, aber auf jeden Fall glücklich.

Auch dort musste ich wegen Überfüllung nach drei Tagen wieder ausziehen, man brachte mich nebenan in etwas, das verdächtig nach Auffanglager für Leute aussah, die mentale und sonstige Probleme haben (nicht, dass ich es aus Erfahrung kennen würde (noch nicht), aber im Fernsehen sehen die auch immer so aus – und nein, ich glaube nicht, dass sie mir etwas sagen wollten). Nach 2 Tagen hatte ich genug, ich griff zur Kreditkarte und spendete mir Trost, indem ich mich für einige Tage in eines der besseren Hotels am Platze einmietete. Von dort brach ich auf, um mich mit einer Freundin in Santa Cruz zu treffen, bevor ich den Trek Richtung Norden – Atacamawüste – begann. Es freut mich zu berichten, dass ich eine sehr schöne Reise in einem Backpacker-Bus hatte, endlich und zur Vorfreude hier mal ein paar Bilder.
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7 responses to “Elend in Valdivia

  1. Tja, die Erfahrungen hätte ich auch nicht gebraucht, kann dich gut verstehen. Drücke Dir die Daumen für die nächsten Stationen…. LG Manuela

  2. Hallo, Deine Erfahrungen sind teilweise bitter, aber Du bist noch jung
    genug, einzusehen, dass Du deshalb Dein Leben nicht ins spartanische verändern musst. Weiterhin viel Spass an weiteren
    Erlebnissen. M.

  3. Moin Gudrun, ich wäre bei Deiner bisherigen Reiseroute wahrscheinlich Dauergast in Hotels gewesen.Meinen Hotel-Segen hast Du allemal. Hach,ich dreh mich nochmal zur Seite in meinem Kuschelbett. Opa Jurek grüsst Dich.

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