Burma / Birma / Myanmar – Ein kleiner Hintergrund & Sonstige Kuriositäten

Shwedagon Pagoda Yangon

Shwedagon Pagoda Yangon

Burma / Birma / Myanmar – Ein kleiner Hintergrund

Ich komme gerade vom Lunch am Strand zurück – dort gibt es winzig kleine Bars mit ein paar Stühlen, Tischen und Schirmen, und eine wirklich winzig kleine Küche. Die Bar, die ich mir ausgesucht hatte, sah verdächtig leer aus – inklusive Abwesenheit einer Bedienung oder Kochs. Nach einigen Minuten bemerkte auch eine der am Strand sitzenden Schmuckverkäuferinnen, dass sich nichts tat, und sprang mutig in die Bresche. Es war deutlich, dass sie nie zuvor etwas derartiges getan hatte, aber sie servierte mir meine Getränke und kochte mein Essen wie ein Profi. Der einzige Haken: Sie kochte für burmesische Zungen, und meine europäischen Weichei-Geschmacksknospen hatten keine Chance. Ich aß trotzdem tapfer; als sie mich fragte wie es geschmeckt hat, röchelte ich mit ausgebrannter Mundhöhle und Wasser in den Augen „very good, very good“. Sie war so stolz – sie rief all ihren Kolleginnen etwas zu, das ich mit „der Ausländerin hat es geschmeckt, yipee“ interpretierte. Ich fühle, dass ich heute positive Karmapunkte gesammelt habe.

Was genau ist denn nun der Name des Landes? Es gibt in Burma ungefähr 135 verschiedene Volksgruppen, was eine Namensbestimmung schwierig macht, aber die allgemeine Bezeichnung für das Land selber (vor Einzug der Briten) scheint „Bamar“ gewesen zu sein, woraus die Briten „Burma“ machten. Myanmar war die Bezeichnung für das Volk, und nicht das Land. Die Militärregierung änderte dies, und nannte das Land in Myanmar um. Da dies ohne Referendum geschah, wird die Bezeichnung Bamar oder Burma insbesondere von Oppositionellen weiterhin benutzt. Das deutsche Birma hingegen scheidet völlig aus.

Auch die Bezeichnung für die grösste Stadt wechselt zwischen Rangun und Yangon – Yangon ist die offizielle Bezeichnung, Rangun die britische Schöpfung, beides kann benutzt werden. Die Hauptstadt ist sowieso seit 2006 Nay Pyi Taw; es heisst „Stadt der Könige“, und es ist ein Rätsel, warum die Militärs die Hauptstadt hierher verlegt haben, aber insgesamt wurde eine Fläche eingeplant, die 5-mal der Fläche von Berlin entspricht. Viele Sehenswürdigkeiten soll es dort nicht geben, aber immerhin gibt es Golfplätze und einen Zoo, sollte man dorthin verschlagen werden.

Das Land hat ca. 55 Millionen Einwohner, mit rapidem Wachstum (in 1901 waren es noch 11 Millionen), mit durchschnittlicher Lebenserwartung von knapp 63 Jahren (immerhin auch hier ein rapides Wachstum: in 1970 waren es noch 49 Jahre). Es gibt grosse Minderheiten mit indischer oder chinesischer Herkunft. Buddhismus ist die alles beherrschende Religion, und die tiefe Gläubigkeit der Menschen jeden Tag sichtbar. Es gibt zig-tausende von Pagoden und Stupas – Schreine – und Mönche und Nonnen bestimmen jedes Strassenbild (am ersten Tag war ich begeistert, als ich meinen ersten Mönch sah, und musste unbedingt ein Photo machen; am ca. 4. Tag der Photoreise war das allgemeine Credo „bloss kein weiteres Bild von einem Mönch oder einem Kind!“ – aber es ist schon so, dass ein Mönch, eine Nonne oder ein Kind hier jedes Bild interessant machen, und sie lassen sich gerne photographieren).

Dank der vielen ethnischen Volksgruppen gab es durch die Jahrhunderte immer wieder wechselnde Machtverhältnisse; auch die Mongolen unter Kublai Khan klopften an den Toren, und das Land zerfiel in mehrere unabhängige Königreiche. Seit dem 15. Jahrhundert unterhielten Italien und insbesondere Portugal Handelsbeziehungen. Im 18. und 19. Jahrhundert war Burma wieder ein einheitliches Königreich, doch 1885 wurde der letzte regierende König von den Briten abgesetzt, als er Frankreich den Weg nach Burma öffnen wollte; er starb 1916 im Exil. Von 1886 an war Burma zumeist eine Provinz der Kolonie Britisch-Indien, bis die Japaner in 1942 die Briten aus dem Land warfen. Sie schafften es jedoch ziemlich schnell, die Bevölkerung völlig gegen sich aufzubringen, und die Burmesen kämpften unter General Aung San zusammen mit den Alliierten erfolgreich für die Rückeroberung des Landes.

In 1947 stimmten die Briten zu, das Land in die Unabhängigkeit zu entlassen; die ersten Wahlen gewann Aung San, der verehrte Volksheld und Vater von Aung San Suu Kyi; er wurde jedoch kurz darauf, erst 32-jährig, von Gegnern seiner Partei bei einem Überfall erschossen. Die Geburtstunde des unabhängigen Burmas schlug am Sonntag, den 4. Januar 1948, um 4.20 Uhr – dieser Zeitpunkt wurde von Astrologen genau berechnet. Die Volksgruppen waren jedoch zu sehr untereinander zerstritten, und es kam zu zahlreiche Unruhen. In 1962 geschah der Militärputsch, und das Land wurde zur Militärdiktatur. Die Wirtschaft des Landes ging stetig bergab; in 1988 eskalierten die Unruhen und es kam zu Massendemonstrationen und Streiks, viele Leute starben; der 8.8.88 gilt als schwärzester Tag der jüngeren Geschichte Burmas.

In diesem August 1988 hielt eine Frau vor Hunderttausenden von Menschen eine Rede in der Shwedagon Pagoda, dem Nationalheiligtum Burmas – Aung San Suu Kyi. Es wurde genug über sie geschrieben, sie ist „The Lady“ und wird von vielen als Heilige verehrt, auf einer Stufe mit Gandhi und Nelson Mandela. Sie führte jahrzehntelang ein Leben ausserhalb Burmas, zuerst im Exil, dann in England zusammen mit ihrem englischen Mann und zwei Söhnen. In 1988 reiste sie nach Yangon, um ihre sterbende Mutter zu pflegen; dort entwickelte sich zeitgleich die Protestentwicklung, und als Tochter des Unabhängigkeitshelden Aung San wurde sie die Symbolfigur des Widerstandes. Sie verliess das Land nicht mehr, auch nicht, als ihrem sterbenden Mann die Einreise verweigert wurde, der sie ein letztes Mal sehen wollte. Die Militärs boten ihr an, Burma zu verlassen und sich mit ihm zu treffen, aber sie wusste, dass sie nicht wieder würde einreisen können, und sie stellte ihr Land über ihre Familie – ihr Mann starb in 1999, ohne dass sie sich ein letztes Mal sehen konnten. In 2010 wurde Aung San Suu Kyi aus dem Hausarrest entlassen. Ihre Aufgabe wird es wohl sein, Burma in die friedliche Demokratie zu führen – eine schwere Aufgabe, inmitten von wirtschaftlichen Problemen, religiösen Unruhen, und den Lasten der Vergangenheit.

Nach dieser bewegenden Geschichte – was gibt es noch zu sagen? Mir sind ein paar Dinge aufgefallen, die ich ungewöhnlich fand:

– Der Geburtsname eines Kindes hängt von dem Wochentag ab, an dem es geboren wird – es dürfen jeweils nur ein bestimmter Anfangsbuchstabe pro Tag gewählt werden. Was hilft, sind die 5 Alphabete, die in Gebrauch sind – damit gibt es ausreichend Anfangsbuchstaben.
– Was ausserdem hilft, ist der zusätzliche Wochentag – es gibt in Burma tatsächlich 8 Wochentage. Allerdings wird dadurch das Jahr nicht länger – der Mittwoch wurde einfach in zwei Tage aufgeteilt – Mittwoch 0-12 Uhr ist ein Tag, Mittwoch 12.01 – 24 Uhr ein zweiter Tag. Es scheint niemanden zu stören, dass zwei Tage deutlich kürzer sind als die 6 anderen Tage.
– Eigentlich interessieren die Namen sowieso niemanden, denn keiner wird beim Namen gerufen – alle scheinen Spitznamen zu haben; unsere drei Tourguides z.B. hatten die Spitznamen Min-Min, Shine und Po Bo – keinerlei Bezug zum Geburtsnamen (die ich mir leider mangels Gebrauch nicht gemerkt habe).
– Die Autos haben eine Rechtssteuerung wie in England, fahren aber auf der rechten Seite wie in Deutschland – was das Überholen interessant macht. Offenbar wurde irgendwann von Linksfahren auf Rechtsfahren umgestellt. Weil aber alle Autos gebraucht in Japan gekauft werden (wo es Rechtssteuerung gibt), blieb das Steuer auf der „falschen“ Seite – stört aber auch niemanden.

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